„Leistung muss sich wieder lohnen!“ Diesen Slogan habe ich in den letzten Wochen oft auf Wahlplakaten gesehen und ich bin sicher, bis zur Bundestagswahl im Herbst werde ich diesen Spruch noch oft zu hören und zu sehen bekommen. „Lohnt sich Leistung denn nicht oder nicht mehr?“, frage ich mich da und natürlich habe ich tatsächlich meine Zweifel – Sie sicher auch!
Aber dann frage ich mich auch: Was ist eigentlich „Leistung“? Hat sich „Leistung“ denn, wie uns diese Plakate weis machen wollen, früher mal gelohnt?
Leistung, wie ich sie verstehe, ist jegliche Art von körperlicher oder geistiger Arbeit, mit dem Zweck die Lebensqualität der Gesellschaft (im seltenen Optimalfall für alle Menschen) zu erhalten oder gar zu verbessern. Ein häufiger, aber nicht selbstverständlicher, Nebeneffekt von Leistung ist die Verbesserung der persönlichen Lebensqualität. Diesen Nebeneffekt kann man u.a. am Konsum ablesen.
Leistung, wie sie die Politiker verstehen, konzentriert sich auf das Verbessern der persönlichen Lebensqualität, sie setzen „Leistung“ mit „sich was leisten können“ gleich. Die Theorie ist, wenn es jedem einzelnen besser geht, dann geht es auch allen besser. Das ist in der Theorie richtig, in der Praxis halte ich es aber für ein gefährliches Strohfeuer, das zwar hell lodert, aber ohne Nachhaltigkeit ist. Eine drastische Nebenwirkung dieser, allein auf das Einkommen ausgerichteten Leistungsdefinition sehe ich im immer stärkeren Auseinanderklaffen der sozialen Schere.
Nachdem das geklärt wäre, wäre dann die nächste Frage: Wer hat denn konkret was geleistet in Deutschland in der Vergangenheit, wer leistet denn heute was?
In der Vergangenheit ist das ja klar! Gleich nach dem Krieg waren das die Trümmerfrauen und all jene Menschen, die unser Land wieder aufgebaut haben. Danach waren es jene an den Fließbändern und auf dem Bau, die das Wirtschaftswunder möglich gemacht haben, es finden sich viele. Hat sich für diese Menschen die Leistung gelohnt? Soweit, sie heute noch leben, stellen sie fest, dass ihre Rente in den letzten Jahren real weniger wurde, d.h., sie bekommen zwar heute mehr Rente als vor einigen Jahren, aber trotzdem können sie sich dafür weniger leisten. Wenn sie sich dann noch ein paar Krankheiten „leisten“, was ja im Alter nicht zu vermeiden ist, wird das Geld bereits deutlich weniger und wenn sie gar auf Pflege angewiesen sind, ist die Rente bis auf ein Taschengeld ganz weg. Klar, die medizinische Versorgung ist teuer und wird immer teurer. Hat sich die Leistung also wirklich gelohnt? Sollte ein menschenwürdiger Lebensabend nicht eine Bringschuld der Gesellschaft sein, für die man ein Leben lang geschuftet hat? Wenn man die Politiker hört, die meinen, dass „Leistung sich wieder lohnen muss“, nicht, denn die sagen klar: Optimale medizinische Versorgung nur für diejenigen, die aktuell viel leisten (und sie meinen natürlich ihre Definition von Leistung, also Produktion). Aha!
Und wer leistet denn heute was? Klar, da sind immer noch die an den Fließbändern, auf dem Bau, da sind die Erzieher und Lehrer, die dafür sorgen, dass wir überhaupt was leisten können und da sind die Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger, die dafür sorgen, dass wir wieder was leisten können, wenn’s plötzlich nicht mehr klappt mit der Leistung. Und da sind natürlich die Altenpfleger, die sich den ganzen Tag um unsere Eltern und Großeltern kümmern, damit wir Leistung erbringen können. Eine der wichtigsten Gruppe der Leistungsträger wurde aber noch überhaupt nicht erwähnt: die Gruppe der ehrenamtlich Tätigen. Und natürlich dürfen wie die Eltern nicht vergessen, jene Gruppe, die heute einen Teil ihrer Produktivität opfern, um über die Erziehung ihrer Kinder, Leistung in der Zukunft zu ermöglichen. Lohnt sich für uns die Leistung, die wir erbringen? Jene Politiker sagen „Nein!“ und die müssen es ja wissen. Aber wie könnte sich denn Leistung lohnen?
Die Antworten sind für diese Politiker klar: Wirtschaft entlasten, Steuern senken – eben alles tun, damit der Konsum oben bleibt, damit Arbeitsplätze erhalten bleiben oder sogar neue geschaffen werden. Dann haben mehr Leute Arbeit, dann können mehr Leute Geld verdienen. Und wenn mehr Leute was leisten, dann können sich auch mehr Leute was leisten. Eine einfach Rechnung. Aber die Menschen, die heute arbeiten haben da so ihre Zweifel. Klar, im Moment geht die vielleicht Rechnung auf, aber wie ist es morgen, wenn alle alles gekauft haben, was sie brauchen? Wie ist es übermorgen, wenn der Letzte kapiert hat, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen – insbesondere wenn ihr Job unmittelbar am Konsum anderer hängt? Wie ist es überübermorgen, wenn ich in Rente …? Wie wird das überübermorgen überhaupt sein, mit der Rente? Selbst die Rente der Wirtschaftswunder-Generation löst sich in nichts auf, wenn die Gesundheit schwindet, beim einen früher, beim anderen später. Glauben Sie als aktueller Leistungsträger noch, dass Ihre Rente sicher ist?
Das Problem liegt in der Aussage dieser Politiker: „Leistung muss sich lohnen!“ Was sie nämlich wirklich meinen ist: „Produktion muss sich wieder lohnen“ also mehr Produktion muss auch zu mehr Konsum führen.
Aufgrund dieses Un-Verständnisses (der Unterschied zwischen Leistung und Produktion) brauchen viele Menschen, die heute Leistung erbringen, gar nicht bis morgen zu denken, denn das Geld, das sie heute verdienen, reicht grade mal so für ein halbwegs anständiges Leben. Wenn nur ein bisschen was daneben geht, reicht es schon nicht mehr. Und es sind grade die Berufsgruppen, die nachhaltigen Mehrwert erzeugen: Erzieher, Krankenschwestern, Altenpfleger …. – die einzigen Arbeiten, die nicht auch von Automaten genau so gut gemacht werden könnten, werden am schlechtesten bezahlt und haben meist die schlechtesten Arbeitsbedingungen. Da lohnt sich die Leistung nicht mal heute, ohne viel Idealismus sind diese Jobs nicht durchzustehen. Würden die oben genannten Konzepte dafür sorgen können, dass sich deren Leistung lohnt? Die Gruppe der ehrenamtlich Tätigen findet in dieser Beobachtung überhaupt nicht mehr statt!
„Leistung muss sich wieder lohnen!“ – wär schön, wenn sich Leistung irgendwann mal lohnen würde und nicht nur Produktion. Für den Anfang wäre es aber schon hilfreich, wenn Politiker aufhören würden Begriffe durcheinander zu schmeißen!
Nachtrag (16.6.09)
Natürlich könnte man die Sache mit der Leistung, die sich lohnen soll, auch mal von einer anderen Seite betrachten. Dann sieht man nämlich, dass wir nicht auf einem Trümmerberg in Hunger und Elend leben (wie es der Verlauf des Zweiten Weltkrieges durchaus hätte erwarten lassen können!), sondern in einem schönen Land, das sich in der Welt nicht verstecken muss, und in Frieden, Freiheit und Wohlstand (den man – zugegebenermaßen – etwas gerechter verteilen könnte). Aus diesem Blickwinkel hat sich die Leistung gelohnt – aus diesem Blickwinkel lohnt sich Leistung aber auch nach wie vor, denn jede Leistung die wir erbringen sichert und verbessert diese Errungenschaften. Aber aus diesem Blickwinkel ist das “Leistung muss sich lohnen!”-Geschwätz endgültig falsch, denn damit wird schlecht geredet was gut ist und man lenkt den Blick der Gesellschaft weg von den Menschen, die Leistung für dieses Land erbracht haben und erbringen, hin zu den Menschen, die mit der Leistung anderer reich wurden oder werden wollen. (Um dem “Ausbeuter der Arbeiter-Klasse”-Geschwätz vorzubeugen: Auch diese Menschen erbringen durchaus, oft sogar überdurchschnittlich viel, eigene Leistung für die Gemeinschaft. Allerdings seien sie stets daran erinnert, dass ein Mehr an Eigentum in der Bundesrepublik Deutschland, neben dem Mehr an persönlicher Unabhängigkeit, nur ein Mehr an Verantwortung für die Gemeinschaft bedeutet (Art. 14 (2) GG).)
Die Herstellung und Wahrung von (sozialer) Gerechtigkeit – die nicht nur wirtschaftliche, sondern alle erbrachte Leistung gleichermaßen anerkennt - ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die sich der herkömmlichen Leistungsmessung entzieht, erst Recht, wenn man Leistung so kleingeistig definiert, wie es viele Politiker tun.